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Moorbauer inspiriert zu Zukunftsfragen

Corona-Lockdown bringt Zeit für Filmprojekt „In was für Landschaften wollen wir leben?“

Schon der Weg zum Moorbauern ist ein kleines Abenteuer. Ich bin zum ersten Mal hier. Am Steg begrüßt mich Uta Berghöfer. Mit ihr hatte ich schon auf der Grünen Woche im Januar 2020 in Berlin verabredet, dass ich sie gerne mal treffen möchte, um mehr über das Moortheater zu erfahren. Das organisiert sie seit ein paar Jahren in der Region und wurde damit auch Neuland-Gewinnerin. Wegen Corona wurde daraus dann wie so oft erstmal nichts. Zufällig erfuhr ich schließlich von einem Film, den Uta Berghöfer zusammen mit anderen gedreht hat und der in der Region bereits an einigen Orten gezeigt wurde. Neugierig geworden, beschloss ich, mich nun doch endlich mal mit ihr zu verabreden. Sie schlug den Steg am Moorbauern als Treffpunkt vor. Übers Jahr bin ich auf diesen Ort durch die sozialen Netzwerke schon mehrmals aus der Ferne aufmerksam geworden. Coole Kneipe, alternatives Restaurant, traumhafte Lage waren Assoziationen, die ich für diesen Ort in meinem Kopf hatte. Aber der Reihe nach.

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Seit den 1960er Jahren gibt es die Ausflugsgaststätte im Moor zwischen Malchiner und Kumemerower See, wie alte Fotos belegen. Foto: Manuela Heberer

Traditionsgaststätte mitten im Moor

Nun stehe ich – kurz vor dem zweiten Corona-Lockdown – am Steg. Weit und breit ist nichts zu sehen. Uta telefoniert kurz, dann sagt sie, ein Moorbauer würde uns gleich mit dem Boot abholen. Boot? Erst jetzt wird mir klar, dass es nur diesen Weg gibt – über das Wasser. Leise tuckert der Kahn heran. Uta lädt noch eine Kiste mit Feuerholz hinein. Dann geht es gleich wieder los. Hinsetzen lohnt sich offenbar nicht, sehr wohl aber ein Blick rundherum. Gerade dreht ein Eisvogel eine kleine Runde nur ein paar Meter entfernt. Schräg gegenüber am Ufer legen wir an. Da ist er, der Moorbauer. Seit den 1960er Jahren gibt es diese Traditionsgaststätte, erzählt mir Uta Berghöfer. „Jeder in meiner Generation, der hier aus der Gegend kommt, kann mit dem Namen etwas anfangen oder war selbst schon hier.“ Bis 2011 wurde die Kneipe im weitverzweigten Kanalsystem zwischen Malchiner und Kummerower See von wechselnden Pächtern und Besitzern betrieben. Das ist nicht für jeden was, denke ich. Besucheranstürmen im Sommer stehen raue Zeiten in Herbst und Winter entgegen, hin und wieder ein Hochwasser, das bis in den Gastraum drückt. Am Kamin zeigen Striche, wie hoch das Wasser der Peene in den vergangenen Jahren im Haus gestanden hat. Viel Enthusiasmus ist notwendig, um eine solche Kneipe zu betreiben – und in ihrer ursprünglichen Form zu erhalten.

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Blick vom Ufer in Richtung Moorbauern – versteckt im Moor. Foto: Manuela Heberer

Perspektiven auf die Landschaft

Vor knapp acht Jahren entschieden sich Mi Spirandelli, die schon das Gutshaus in Pohnstorf erfolgreich saniert hat, und der aus Malchin stammende Opernsänger Lars Grünwoldt, den Moorbauern vor dem Verfall zu retten. Sie arbeiteten hartnäckig am Erhalt des Ortes und an einem passenden Konzept. Immer im Blick hatten sie die besondere Lage des Hauses mitten im Moor. Irgendwann stieß Uta Berghöfer dazu. Die Landschaftsökologin beschäftigt sich seit mehreren Jahren bereits mit der Frage nach der Verzahnung von Gesellschaft und Naturschutz. „Es gibt ja immer unterschiedliche Perspektiven auf die Landschaft.“ Sie begann zu recherchieren, führte Interviews mit Angehörigen ehemaliger Wirte des Moorbauern, forschte im Archiv nach Geschichten aus dem Moor. „Irgendwann entstand zusammen mit Lars die Idee, diese Geschichten in der Landschaft zu erzählen.“ Das Moortheater war geboren. 2015 gab es die erste Aufführung. „Ein Kracher“, wie Uta sagt. 250 Menschen kamen mit Booten zum Moorbauern, um sich das von Schülerinnen und Schülern der Region gespielte Spektakel anzusehen. Ein Teil der Kulissen steht noch heute am Steg vor dem Moorbauern. „Zur Erinnerung“, sagt Uta Berghöfer. Mehrere Jahre hat sie das Moortheaterprojekt nun begleitet, an wechselnden Orten mit wachsendem Publikum. Im Corona-Jahr 2020 war daran jedoch nicht zu denken.

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Neben dem Plakat zum Film findet man am Kamin im Gastraum auch dir Markierungen der letzten Hochwasser der Peene. Foto: Manuela Heberer

In was für Landschaften wollen wir leben?

Stattdessen hat sie sich, inspiriert durch den Austausch mit anderen Neulandgewinnern und zusammen mit dem Verein Freunde Fritz Greve sowie Florian Seeber und Carsten Becker an ein Filmprojekt gewagt. An verschiedenen Orten in Mecklenburg-Vorpommern ist das Filmteam einer bedeutsamen Frage nachgegangen: In was für Landschaften wollen wir leben? Nicht die Natur da draußen oder das Postkartenidyll Reisender im Urlaub, sondern die Verbindungen und Zusammenhänge von Orten, Menschen, Tieren und Pflanzen in einem bestimmten Raum seien mit dem Begriff Landschaft gemeint, sagt sie im Film. Dieser Raum sei da, wo wir wohnen, wo unsere Nahrung herkommt. Es geht also um die Fragen wo und wie. Um darauf Antworten zu finden, haben Uta Berghöfer und das Filmteam verschiedene Menschen auf ihren Höfen und an ihren Orten besucht, ihre Lebensweise kennengelernt, ihre Gedanken zu den Fragen dokumentiert. Begleitet von sphärischer Musik, Naturbildern und Tanzsequenzen erhält der Zuschauer Zeit und Raum, das zuvor Gesagte und Gesehene wirken zu lassen. Bei mir hat es funktioniert. Zusammen mit Uta Berghöfer habe ich mir den Film im Gastraum des Moorbauern angeschaut, während im Kamin das brennende Holz knisterte. Am Ende – nach einer guten halben Stunde – war ich mir sicher, dass diese Geschichte noch nicht auserzählt ist. Dass es viele weitere Beispiele und Stimmen aus der Region gibt, die zu diesem Thema etwas beitragen können. Auch für Uta ist an dieser Stelle längst nicht Schluss. Seit einer Weile ist sie Moorbäuerin, hat zusammen mit ihrem Mann und mehreren anderen das Haus übernommen. „Den ganzen Sommer haben wir hier gewirbelt“, erzählt sie. „An manchen Tagen waren die Tische draußen non-stopp besetzt.“

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Foto: Manuela Heberer

Experimentierfeld für die Zukunft

So wollen die Moorbauern den Ort erhalten, an dem man die Schönheit der Moorlandschaft genießen kann. „Wir wollen hier aber auch einen Ort schaffen, an dem wir uns über nachhaltiges Leben und Wirtschaften austauschen und neues ausprobieren können.“ Sozusagen ein Experimentierfeld für die Zukunft von morgen. Ganz oben stehen dabei Gespräche. Denkanstöße geben, Diskussionen anregen – all dies soll von diesem Ort aus passieren. Dabei soll es um positive Antworten gehen. „Viel GEGEN“ gäbe es schon genug. „Wir wollen eher versuchen, die Zukunft an den positiven Aspekten auszurichten, statt immer das Negative in den Fokus zu stellen.“ Moderierte Spaziergänge in der Landschaft zum Austausch sind demnächst geplant. Und dann soll auch das Moortheater 2021 einen neuen Anlauf machen. Genauso wie der Moorbauer, der im Sommer hoffentlich wieder für viele Gäste offen stehen wird.

Dieses Ende ist der Anfang

Als ich mich auf den Rückweg mache und ins Boot steige, genieße ich die ungestörte Ruhe, die Geräusche der Natur, die diesen Ort als einzige umgeben. Einem Ort, an dem offenbar viele Fäden zusammenlaufen, der die hier wirkenden Menschen zu spannenden Projekten inspiriert. Während der Kahn zum anderen Ufer zurücktuckert, habe ich ein gutes Gefühl und die Hoffnung, dass dieses Ende erst der Anfang ist.

Von Manuela Heberer

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