„Nachmittag“ und „Seelicht“ in Koldenhof

Nur noch bis Anfang Oktober 2021 zeigt das Kunsthaus Koldenhof (Feldberger Seenlandschaft) Bilder von Barbara Müller-Kageler und Skulpturen von Marguerite Blume-Cárdenas in einem reizvollen Spannungsfeld. Im Eröffnungsgespräch vom 14. August mit Rüdiger Hundt sprechen die Künstlerinnen über Anregungen, Anlässe und Herangehensweisen ihrer Arbeit. Fotos: Georg Hundt.

Rüdiger Hundt: Die Lebenswege der Künstlerinnen zu erforschen ist interessant; ihr künstlerisches Werk zu beobachten ist einfach schön. Man wird immer daran erinnert: dieses oder jenes ist schon fast fünfzig Jahre her. Sie kennen sich auch schon sehr, sehr lange und würde man eine Werkausstellung beider machen, würde das Kunsthaus Koldenhof bei weitem nicht ausreichen. Hier sehen wir 35 Arbeiten, vorwiegend aus den letzten zehn bis zwanzig Jahren. Wir haben aber auch Arbeiten dabei, die sehr viel älter sind: Zum Beispiel die fantastische Sandsteinfigur „Nachmittag“ aus dem Jahre 1991 oder auch „das schwarze Meer“ von 1994, das im Verkaufsraum steht. Es ist aber auch ein Bild dabei, das riecht noch ordentlich nach frischer Farbe: „Das Seelicht“ von diesem Jahr von Barbara Müller-Kageler.

Frau Blume-Cárdenas, Frau Müller-Kageler, Sie kennen sich schon sehr lange, sie schätzen sich. Es ist schön, die Korrespondenz ihrer Werke zu erleben.
Darum meine erste Frage: Was schätzen Sie an Ihrer Kollegin und Freundin im künstlerischen Werk oder vielleicht auch menschlich?

Marguerite Blume-Cárdenas: Ich habe sie einfach gerne. Ich liebe Ihre Bilder. Wir schätzen uns gegenseitig, wir korrespondieren, können uns gegenseitig Hinweise geben und nehmen diese auch gern an. Wir begegnen uns immer gerne.

Barbara Müller-Kageler: Das kann ich nur bestätigen, wir respektieren uns. Dieses einander Schätzen baut einen auf. Wenn man weiß, da ist jemand, der hat ähnliche Vorstellungen… das geht klar zwischen uns beiden, wir passen gut zusammen, denke ich.

Marguerite Blume-Cárdenas: Ich habe sie einfach gerne. Ich liebe Ihre Bilder. Wir schätzen uns gegenseitig, wir korrespondieren, können uns gegenseitig Hinweise geben und nehmen diese auch gern an. Wir begegnen uns immer gerne.

Barbara Müller-Kageler: Das kann ich nur bestätigen, wir respektieren uns. Dieses einander Schätzen baut einen auf. Wenn man weiß, da ist jemand, der hat ähnliche Vorstellungen… das geht klar zwischen uns beiden, wir passen gut zusammen, denke ich.

Rüdiger Hundt: Ihre Bilder haben ja in den drei Räumen hier in Koldenhof miteinander auszukommen. Hier in Koldenhof ist es ja gute Tradition, dass unterschiedliche Künstler zusammen ausstellen – nur in wenigen Fällen ist es ein Künstler allein, der die Räume gestaltet.
Das birgt natürlich die Gefahr, die Bilder können gegeneinander stehen – das muss aber auch nicht sein. Sie können korrespondieren, in den Dialog treten oder sie können einfach Fragen aufwerfen.
Wie geht es Ihnen mit der Nachbarschaft der Bilder ihrer Kollegin?

Barbara Müller-Kageler: Das wir uns ergänzen. Die Strenge und Ruhe unserer Arbeiten ergänzen sich gut. Ein guter Gegensatz, bei dem sich eine gewisse Spannung aufbaut. Gleichzeitig ist eine gewisse Ruhe da.

Marguerite Blume-Cárdenas: Ich finde sehr schön, dass wir die menschliche Figur überhaupt nicht verlassen haben. Das schätze ich sehr. Es ist kein Naturalismus, es ist einfach der Mensch, der bei uns beiden auftaucht.

Rüdiger Hundt: Frau Blume-Cárdenas, sie arbeiten vorwiegend in Sandstein – warum?

Marguerite Blume-Cárdenas: Das hat einen ganz einfachen Grund: Kunst ist heute auch Ökonomie. Ich kann im Sandsteinbruch in Reinhardtsdorf [bei Pirna in Sachsen – Anmerkung der Redaktion] meinen Stein kostenlos haben. Ich habe dort einen Schmied und kann dort meinen Schutt lassen – es fällt viel Schutt an wenn man am Stein arbeitet.
Nun arbeite ich schon fünfzig Jahre im Sandstein. Handwerklich wird man perfekter, ohne dabei manieriert zu werden (glaube ich jedenfalls). Aber wenn ich Marmor in der Gegend hätte, würde ich mit Marmor arbeiten, wenn ich dann wenig Kosten hätte. Und ich liebe den Stein; Stein überhaupt!

Rüdiger Hundt: Bleiben wir beim Thema: Ronald Paris schrieb in einem Grußwort eines Kataloges: „Mir scheint, dass schon in dem von ihr gewählten Sandsteinblock, der roh gebrochen ist, von vorn herein der Gestus der zu formenden Figur gesehen wird. Ohne, dass davon all zu viel weg geschlagen werden muss.“

Marguerite Blume-Cárdenas:Manchmal ist das so. Manchmal bietet der Stein mir was an; hat vllt. einen Bogen und schon kann ich was komponieren dazu. Manchmal habe ich auch einen so langweiligen Block, dass ich da was reinsehen muss. Und das geht natürlich auch. Es gibt also beides.

Rüdiger Hundt: Wir kennen ja alle Bilder aus Filmen, wie z. B. Michelangelo in Carrara seine Blöcke auswählte. Worauf legen Sie wert, wenn sie Reinhardtsdorf, dass ja, wie Sie sagten, nun schon fünfzig Jahre Ihre Heimat ist, Ihren Block auswählen?

Marguerite Blume-Cárdenas: So viel Auswahl habe ich natürlich nicht. Wir haben große Blöcke und da spalten wir per Hand (!) Größen ab, die wir vom Transport bewältigen können. Zwei Leute müssen den Tragen können. Ich kann mir nicht noch einem Kran besorgen und so weiter. So wähle ich einen Stein nach meinen Größenvorstellungen. Da kann ich nicht gucken, ob der nun einen Einschluss hat oder Bänder, die mir nicht gefallen. Ich muss das nehmen und was daraus machen. Man kann aus jedem Stein etwas machen.

Rüdiger Hundt: Welche Rolle spielt dabei die Farbigkeit des Steins?

Marguerite Blume-Cárdenas: Bei mir keine. Und manchmal bin ich unglücklich, wenn ich sehe, dass quer durch die Brust ein rotes Band geht. Alle gucken auf das rote Band und ich habe ein ganz heftiges Thema. Und die Leute sehen gar nichts anderes mehr! Das ist dann ein bisschen schade.

Rüdiger Hundt: Frau Müller-Kageler, eine Ihnen nahe stehende Künstlerin zitierte Sie einst: „Immer geht es um Klänge und um ein ganz besonderes Licht. Ein ganz bestimmtes, hinter dem man unablässig und sein ganz Leben lang her malt.“

Barbara Müller-Kageler: Ja, das ist so. Für mich ist die Farbigkeit – vor allem die, die die See und das Meer mir bieten – so unfassbar wichtig. Es treibt mich immer wieder an, auch neue, feine Klänge zu malen, wie ich mir das wünsche und vorstelle. Das vor vielen, vielen Jahr mal ein Erlebnis: Ich war mit Studenten in einem künstlerischen Praktikum in Lubmin. Völlig uninteressant eigentlich: ein normaler Strandtag, es war heiß und der Himmel war glasig von dieser Hitze und da war ein irres, rosa Licht, dass sich da irgendwo am Himmel befand. Die Sonne hatte gar keine Kraft, weil es so dunstig war. Ich dachte mir, wenn du es schaffst, dieses Licht einzufangen…
Ganz oft denke ich an dieses Licht, wenn ich male. Es ist so schwierig, das mit diesen materiellen Ölfarben herzustellen. Also die Materie zu vergessen, dass es zu Ausdruck der Atmosphäre wird. Da ist ein kleiner Anreiz, an den ich so denke. Dadurch geht auch jeder Formanspruch zurück – der natürlich trotzdem da sein muss. Dadurch vereinfache ich bewusst meine Figuren. Mich interessiert kein da Portrait, kein genauer Kopf, sondern um die große Form. Ob das jetzt Steine oder Figuren sind, ist fast schon egal.

Rüdiger Hundt: Wir sind bei Ihrem Hauptthema Strand; Figuren am Strand. Sie finden die Ideen, wenn Sie selbst am Strand liegen; wenn sie aus der Froschperspektive Menschen beobachten, die vorbei gehen und machen dann kleinere Skizzen. Aber eigentlich arbeiten Sie in Ihrem Atelier in Berlin-Adlershof „von der Hand in den Kopf“, wie sie vorhin sagten. Dann gestalten Sie Ihre Arbeiten, wie Ihr Formbedürfnis es vorgibt. Ein Kunstwissenschaftler hat mal irgendwo geschrieben: „Sie malt in Adlershof. Adlershof liegt am Meer“ – das wussten Sie doch?!

Barbara Müller-Kageler: So ist es wirklich! Eigentlich habe ich nie die Figur gebraucht, nach der ich meine Figuren male. Die habe im Kopf, da geht es mir genau so wie Marguerite. Ich habe allerdings vor vielen Jahren viel und gern am Stand skizziert und auch als Hochschullehrerin das Aktzeichnen  gelehrt. Diese Gestalt, die ich hunderttausend mal bei Studenten korrigiert habe, habe ich natürlich in mir drin und muss gar nicht lange darüber denken. So kann ich meinen Hauptakzent auf die Farbe legen, die mir ein großes Anliegen ist. Die Figur entwickelt sich dann von selbst. Durch diese große Einfachheit muss die Figur dann noch überzeugen, aber das weiß man irgendwann, wenn man so lange damit zu tun hatte.

Rüdiger Hundt: Sie haben darüber geredet, was die Form für Sie bedeutet; was Farben, das Licht für Sie bedeuten. Dennoch schwingen auch Inhalte mit, ohne, dass sie vordergründig sind. Wie zum Beispiel Sehnsucht, Aufbruch, Natur. Oder auch einfach surreales, fast unwirkliches.
Wie sehen Sie dieses Spannungsfeld.

Barbara Müller-Kageler: Ein kleiner Aspekt vielleicht: Ich habe manchmal das Gefühl, dass da manchmal auch ein bisschen Komik dabei ist, wenn diese dicken Figuren da stehen. Wenn diese sich entspannt entfalten und alles hängen lassen. Ich habe ja auch viele Bilder zu Haus, die noch andere Zielstellungen haben, als die Ostseethematik. Gern arbeite ich mit Stillleben mit abstrahierten formen, die mehr oder weniger zueinander stehen. Es ist aber nie so ganz vom Gegenstand gelöst – auch diese Sachen nicht. Mir würde gar nicht genügend einfallen. Ich kann nicht nur mit abstrakten Formen oder farbigen Flächen hantieren. Für mich ist es schon wichtig, eine gewissen Formvorstellung zu haben und dann ist es oft nur der reine Ausdruck einer Farbfreude, die in mir ist, die ich nach außen bringen möchte.

Rüdiger Hundt: Dieses Spannungsfeld aus Figuration und Abstraktion – sagten Sie ja gerade – ist ganz, ganz wichtig für Sie. Bitte seien sie doch so freundlich und sagen sie etwas zu einem Bild. In einem Raum hängt „Landschaften mit rosa Kreuz“. Das trifft es doch ganz genau.

Barbara Müller-Kageler: Dieses Bild habe ich auch sehr gerne. Da schwingt aber noch was mit: Jahrelang hatte ich das Glück, auf Stromboli zu fahren. Eine kleine Vulkaninsel im Mittelmeer, südlich von Neapel. Dieser spitze Kegel des Vulkans, der ja alle zwanzig Minuten mal ausbricht. Dann läuft ein bisschen Lava runter und es raucht gewaltig. Es ist so irre, dabei auf dieser Insel sein zu dürfen. Die Insel ist ja der Berg, der Vulkan ist ja aktiv und gar nicht ruhig. Das Fahle dieser Gebäude und vor dem Berg, der sich immer wieder veränderte vor dem Wetter, vor dem Horizont war irre. Da habe ich viele Bilder gemalt, die hier jetzt nicht zu sehen sind. Das habt mich so bezaubert dort! Das habe ich in anderen Gegenden ähnlich gehabt. Sowas ist für mich dann auch ein großer formaler Antrieb, solche fast ungegenständlichen Sachen zu malen. Aber die Vorstellung davon ist konkret in mir und das Erlebnis Vulkan war dicke da. Das sieht natürlich kein Mensch, ist ja nur ein rosa Kreuz. Aber das ist ja egal, ich war zufrieden mit dem Ergebnis.

Rüdiger Hundt: Dankeschön. Frau Blume-Cárdenas, der Torso spielt bei Ihnen eine ganz besondere Rolle – das sieht man auch hier in der Ausstellung. Als Komprimat von Verdichtung und Ausdruck und die Möglichkeit, Raum für Assoziationen zu lassen. Worin liegt für Sie der Reiz?

Marguerite Blume-Cárdenas: Ich mag ihn einfach. Es gibt natürlich Gründe, warum ich Torsi mache. Wenn Sie sich so einen Stein vorstellen: Hier ist ein Torso drin! Eine Figur hat so ein kleines Köpfchen und so dünne Ärmchen und dann kommen kleine Händchen – das liegt mir einfach nicht! Die Emerita Pansowová macht das so wunderbar – Sie macht in einen so kleinen Stein eine Figur rein – fantastisch! Aber das liegt mir nicht.
In den Torso auch einen Ausdruck zu bringen…! Es ist eigentlich immer das Gleiche und trotzdem immer anders. Das selbst zu erleben ist fantastisch!

Marguerite Blume-Cárdenas: Ich mag ihn einfach. Es gibt natürlich Gründe, warum ich Torsi mache. Wenn Sie sich so einen Stein vorstellen: Hier ist ein Torso drin! Eine Figur hat so ein kleines Köpfchen und so dünne Ärmchen und dann kommen kleine Händchen – das liegt mir einfach nicht! Die Emerita Pansowová macht das so wunderbar – Sie macht in einen so kleinen Stein eine Figur rein – fantastisch! Aber das liegt mir nicht.
In den Torso auch einen Ausdruck zu bringen…! Es ist eigentlich immer das Gleiche und trotzdem immer anders. Das selbst zu erleben ist fantastisch!

Rüdiger Hundt: Sehen Sie einen Unterschied im weiblichen und im männlichen Torso?

Marguerite Blume-Cárdenas: Aber ja! Beim Männlichen kann ich einfach draufhauen. Jede Form, die da entsteht, kann ich stehen lassen. Man kontrolliert ja nicht, ist hier ein Muskel, ist da… – ich bin ja keine Naturalistin. Und bei der weiblichen Figur: Da kann ich nicht in die Brust hauen und lauter Löcher machen. Das geht einfach nicht, das überzeugt nicht. Eigentlich ist mir der weibliche Torso viel lieber – ich kann mehr spielen. Andere machen weibliche Torsi unendlich schön.

Rüdiger Hundt: Können Sie auch was sagen zu Ihren Bezügen zur griechischen oder auch zur christlichen Mythologie?

Marguerite Blume-Cárdenas: Ja, diese Thematik ist für mich unendlich. Es ist nicht immer so, dass ich es gezielt mache. Manchmal mache ich den Torso und gebe dann einen Titel aus der Mythologie.
Manchmal will ich auch unbedingt sowas wie den Marsyas machen  – der steht nicht hier – und habe ihn auch gemacht und bin das Thema gezielt angegangen.

Jedes Kind muss ja einen Titel haben. Jede Skulptur muss einen Namen haben, auch Barbaras Bilder müssen einen Namen haben. Bei „Bild 65“ weiß kein Mensch, wie es aussieht. Bei „das Bild mit dem rosa Kreuz“ weiß es jeder. Und wenn ich es „Nachmittag“ nenne, finde ich es auch wieder in meinem Atelier.

Rüdiger Hundt: Wir haben mal kurz über Reinhardtsdorf geredet. Seit fast fünfzig Jahren fahren sie jährlich mit Kolleginnen und Kollegen nach Reinhardtsdorf zu Symposien – was bedeutet Ihnen die Zusammenarbeit, aber auch der Ort?

Marguerite Blume-Cárdenas: Es ist diese Chance. Fünfzig Jahre immer im Stein gearbeitet. Zu DDR-Zeiten haben wir den Stein kostenlos, den Transport kosten, die Studiokosten bekommen. In der neuen Welt jetzt müssen wir uns aus ökonomischen Gründen reduzieren. Wir müssen den Steinbruch bezahlen, auch wenn viele Steine noch aus DDR-Zeiten rumliegen, die wir aufarbeiten können. Dieses freie Arbeiten in einer wunderschönen Landschaften und mit Kollegen. Das ist wahnsinnig bereichernd! Diese Auseinandersetzung! Wir sagen uns was; haben wunderbare Gespräche. Wir haben auch schon sehr viel für den Ort gemacht und haben einen guten Kontakt zur Bevölkerung gefunden. Wir müssen sehr anständig dort sein, weil sie uns alle kennen. Ein fantastischer Ort für uns Bildhauer.
Es wird nicht genug genutzt! Es könnten noch mehr junge Künstler zu uns kommen. Der Aufenthalt ist relativ günstig. Aber auch das wird ökonomische Grund haben: Die jungen Leute können sich nicht leisten, zwei Wochen irgendwo zu arbeiten und auch noch Geld da zu lassen. Die müssen dort hin, wo sie für die Arbeit Geld bekommen. Wir älteren, die ein paar Pfennige Rente bekommen, können sich das eher leisten.


Rüdiger Hundt: Frau Müller-Kageler, Sie haben schon über Ihre Lehrtätigkeit gesprochen. Sie waren auch zwei Jahre in der Schule; haben dann am Institut für Kunsterziehung in Berlin gelehrt; haben an der Hochschule für bildende Künste in Berlin-Weißensee eine Professur inne gehabt.

Sie haben schon den Einfluss dessen auf Ihren Arbeitsprozess angedeutet. Welche anderen Einflüsse gibt es dort? Zum Beispiel Ihre Studienreisen; Ihre Arbeitsaufenthalte im In- und Ausland. Man kann verfolgenden, dass Sie schon zu DDR-Zeiten, glaube ich, süchtig danach waren, Anregungen aus der Welt zu bekommen.

Barbara Müller-Kageler: Ja, das ist ein Aspekt. Über vierzig Jahre habe an der Hochschule gelehrt. Das habe ich sehr gern getan, auch wenn es anstrengend war und die eigene künstlerische Arbeit oft nur am Wochenende möglich war. Ich habe sehr gern mit Studenten gearbeitet. Die waren für mich Anreger und wichtig – denen fallen ja Sachen ein, da kann man manchmal nur neidisch werden. Und ich hatte immer tolle Kollegen, die für mich auch unfassbar wichtig waren.
Marguerite hat ja das Glück, immer noch mit Kollegen im Steinbruch zu arbeiten. Für mich sind die letzten Jahre schon sehr einsam im Atelier gewesen. Da muss man sehen, dass man klar kommt, wenn man nicht so viel Kontakt mit anderen hat. Man ist da doch der Allein-Macher. Der Kontakt zu Studenten und Kollegen war für mich immer sehr beglückend. Die Gespräche, das Zusammensein, sich gegenseitig was sagen dürfen – das war für mich schon sehr entscheidend. Dieses Fernweh, dass mich immer begleitet hat, das Wegfahren, andere Länder und Dinge sehen, war eigentlich nur der Anreger.

Ich war nie der Mensch, der wie meine Kollegen draußen saßen und irgendwas abgemalt habe – das konnte ich überhaupt nicht. Mir ging es immer mehr um die Vorstellung, um die Erinnerung und den Farbklang, den ich so inne hatte. Ich würde auch nie nach einem Foto gehen. Es war immer diese wundervolle Erinnerung an andere Orte und die haben mich dann begleitet bis in die Farbklänge hinein. Das Gegenständliche wurde aber formal gar nicht so wirksam – bis auf wenige Ausnahmen wie der Stromboli und einige wenige Landschaften in Marokko. Die Erinnerung an und Anregung durch Landschaft, Geruch und Atmosphäre – darum geht es mir.

Rüdiger Hundt: Zum Abschluss eine Frage an Sie beide: Haben sie in dieser Ausstellung eine Arbeit, die für Sie eine ganz besondere Bedeutung habt:

Marguerite Blume-Cárdenas: Irgendwie liebe ich jede Arbeit auf andere Weise. Ich könnte kaum einer den Vorzug geben. Die „Bekleidete“ haben die Kuratoren aus einer Ecke bei mir gezogen – ich hätte die nie ausgestellt. Dafür bin ich sehr dankbar.

Barbara Müller-Kageler: Ich bin immer ein ganz großer Zweifler, weil ich beengt zu Hause arbeite und keine richtige Schauwand für mich habe. Wenn die Bilder dann plötzlich hängen, bin ich immer ganz erschrocken und denke „Auweia“. Aber dann funktioniert es ja doch! Eine Lieblingsarbeit…? Das mit dem rosa Kreuz habe ich schon ganz gerne. Und dann gibt es noch eine Gruppe, die sehen fast aus wie aus der Commedia dell’arte. So ein paar Typen, die da den Strand langschreiten – durch diese gewisse Komik habe ich auch ein Herz für diese Arbeiten. Ansonsten bin ich zweifle ich immer sehr und denke, es reicht nicht aus. Aber viel mehr geht auch oft nicht – man muss seine Grenzen auch sehen

Marguerite Blume-Cárdenas: Dieser Zweifel plagt und natürlich immer. Ich denke immer, was ich kann, müsste jeder andere können. Es ist nie gut genug. Aber wenn sie dann fertig sind, dann finde ich sie doch ganz gut.

Rüdiger Hundt: Aus der Korrespondenz, die die beiden Künstlerinnen mit zweien der Kuratoren, Thea Homberg und Kerstin Kuttler hatten, ist so ein Satz rausgefallen, den ich aufgeschnappt habe und gern zum Abschluss vortragen möchte: „Jede Ausstellung ist ein Wagnis. Und wie schön, wenn daraus eine so treffliche Spannung entsteht.“
Herzlichen Dank, dass wir Ihre Arbeiten sehen dürfen. Herzlichen dank, dass sie gekommen sind.

Ist Ausstellung ist noch bis zum 3. Oktober 2021 im Kunsthaus Koldenhof zu sehen. Termine, Künstlerbiografien und weitere Informationen: www.kunsthaus-koldenhof.de

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