Ein neuer Blick auf Demmin

Theresa Steigleder ist Artist in Residence und verarbeitet ihre Erlebnisse in der Peenestadt literarisch

Es ist noch nicht lange her, da war Demmin für Theresa Steigleder nur der Name eines Ortes mit schlechtem Ruf. Verwahrloste Jugend, Armut, Nazis, Hakenkreuze, Überalterung. Hinzu kommt das Kriegstrauma, welches die Stadt seit den letzten Tagen des Zweiten Weltkriegs im April und Mai 1945 mit sich herumträgt. „Es ist wie eine Glocke von Vorurteilen und schlechten Meinungen, die Demmin nach außen hin umgibt“, sagt Theresa Steigleder. Auch sie ist vorher nie hier ausgestiegen, hat die Stadt nie besucht, obwohl sie seit 2013 im vierzig Kilometer entfernten Greifswald lebt. Dort hat sie ihren Masterabschluss in Literaturwissenschaften absolviert, arbeitet seitdem als freie Autorin, schreibt Kurzgeschichten, organisiert eine Lesebühne. 2020 hat sie beim Literaturpreis MV den 2. Platz des Publikumspreises gewonnen.

Bei einem Workshop zur Kulturförderung verschlug es sie im vergangenen Jahr doch nach Demmin, genauer gesagt Völschow Berg, wohin der Kulturring Demmin geladen hatte. „Ich war so begeistert von den Leuten, die ich dort getroffen habe. Als die mir dann erzählten, dass nur noch ein paar Tage die Bewerbungsfrist für ein Künstlerstipendium in Demmin läuft, habe ich schnell reagiert.“ Mit ihrem Konzept hat sie die Jury überzeugen können. Aus knapp 30 Bewerbungen wurde die Greifswalderin ausgewählt. „Ich wollte mir selbst ein Bild von Demmin machen, mich nicht von den Vorurteilen leiten lassen. Meine Erlebnisse sollen in mein Romanprojekt einfließen“, so die 31-Jährige. Auch dieser spielt in einer fiktiven Kleinstadt in Mecklenburg-Vorpommern, auf einem alten Schrottplatz, den Menschen zu einer Art Projekthof umbauen. Ein wenig sei die Handlung an Peter Pan angelehnt, modelliert in die heutige Zeit, berichtet Autorin Theresa Steigleder.

Schreibtisch am Schaufenster
Seit Anfang Mai 2021 ist sie nun in Demmin, wird bis Ende Juni hierbleiben. Obwohl ihr ein dreimonatiger Aufenthalt besser gefallen hätte. „Diese Zeit hätte ich noch gut gebrauchen können.“ Im Rahmen des „Artist in Residence“-Projekts erhält sie einen Arbeitsplatz hinter der Schaufenster-Kulisse des T30-Vereins in der Treptower Straße, eine Unterkunft sowie finanzielle Unterstützung und die Einbindung in lokale Netzwerke. Dank dieser hat sie schnell Anschluss gefunden, viele Menschen getroffen, Eindrücke gesammelt. „Ich bin begeistert von der Stadt, vor allem von der Natur.“ Hier ist sie viel draußen unterwegs, beobachtet das Treiben in der Stadt, genießt die Ruhe zum Arbeiten.

Techno mit Lyrik
Gerade hat sie eine Instagram-Challenge gestartet, passend zum Namen des gastgebenden Vereins T30. Finde 30 Worte mit dem Anfangsbuchstaben T und schreibe einen kleinen Text, der alle diese Worte beinhaltet, lautet die Anleitung ihres kleinen Schreibspiels. Einige Zusendungen gibt es schon. Es ist auch ein Ersatz für die vielen geplanten Veranstaltungen, die wegen Corona nun leider ausfallen oder verschoben werden mussten. „Eigentlich wollte ich hier Schreibworkshops anbieten, dadurch mit Jugendlichen ins Gespräch kommen. Eine Lesung in der Stadtbibliothek wurde auf September verschoben“, bedauert die gebürtige Thüringerin.  Aber mit dem Ende des Künstlerstipendiums wird sie Demmin nicht den Rücken kehren. „An dem Netzwerk, das ich hier gefunden habe, möchte ich auf jeden Fall festhalten.“ Am kommenden Wochenende wird sie beim OPEN Neuland Festival in Loitz Technomusik auflegen. Kurz vor Corona hat Theresa Steigleder damit angefangen, bringt auch lyrische Zeilen in der Clubmusik unter. Und auch mit der Lesebühne „Das stille Wörtchen“, die sie 2017 mit Freunden gegründet hat, soll es bald weitergehen. Vielleicht demnächst auch mal in Demmin, wenn die Autorin die Kurzgeschichten vorträgt, die während ihres Aufenthaltes in der Hansestadt an der Peene entstanden sind.

Von Manuela Heberer

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